BNN, Sonntag, 29.03.2026

Kultfilm “Pulp Fiction” wird am Marotte-Theater Karlsruhe zum Puppenspiel-Vergnügen

Im Karlsruher Marotte-Theater wird Tarantinos Gangsterfilm “Pulp Fiction” zur Puppenshow. Jan Mixsa meistert alle Rollen und bietet liebevollen Fan-Service.

Wie bringt man einen der größten Kinoerfolge der vergangenen Jahrzehnte auf eine kleine Figurentheater-Bühne? Mit genau den Mitteln, mit denen Regisseur Quentin Tarantino selbst 1994 sein Zweitwerk “Pulp Fiction” geschaffen hat: mit Frechheit und Fantasie.

“Pulp Fiction” heißt am Karlsruher Theater “Royal mit Käse”

Was auf der großen Leinwand mit Weltstars wie Bruce Willis, John Travolta, Samuel L. Jackson und Uma Thurman einst neue Maßstäbe setzte, begeisterte nun als furiose One-Man-Show im Karlsruher “marotte”-Theater. Dort gab es die Premiere von “Royal mit Käse”. Die Pulp-Fiction-Adaption ist das neue Stück im Abendspielplan des Figurentheaters. Alle Fäden laufen hier zusammen bei Darsteller und Figurenspieler Jan Mixsa. Pardon: Fäden laufen hier gar keine, schließlich hat Ausstatter Matthias Hänsel keine Marionetten gebaut, sondern Handpuppen. Insofern müsste man sagen: Mixsa hat hier überall seine Finger drin. Und das passt auch zu der Rolle, die er selbst spielt. Mixsa tritt auf als Schrottpressen-Chef Monster Joe – eine Figur, die zwar dem Kosmos von “Pulp Fiction” entstammt, aber im Film gar nicht zu sehen ist.

Inszenierung überrascht mit neuem Gangsterboss

Damit eröffnet die Inszenierung von Carsten Dittrich eine neue Perspektive auf die Gangsterwelt von “Pulp Fiction”. Auf der Bühne ist Monster Joe nicht einfach nur ein Schrottplatz-Betreiber, bei dem man als Profikiller mal unauffällig ein blutverschmiertes Auto entsorgen lassen kann. Nein: Hier erweist er sich als der wahre  Boss der Unterwelt. Eben der Strippenzieher im Hintergrund, der überall seine Finger drin hat, ohne sie sich jemals selbst schmutzig zu machen. Und dieser schräge Typ gibt dem Theaterpublikum leutselig Auskunft über seine krummen Geschäfte. Er plaudert über einen Job der beiden Profikiller Vincent Vega und Jules Winnfield, der so heftig aus dem Ruder läuft, dass der Säuberungsspezialist Mr. Wolf in Aktion treten muss. Über den bestochenen Profiboxer Butch, der seinen brutalen Auftraggeber Marsellus hintergeht, indem er den entscheidenden Kampf nicht wie vereinbart verliert. Und über mehrere Generationen auf sehr ungewöhnliche Art und Weise weitergegeben wurde.

Hommage ist verblüffend und vergnüglich

Besonders in der ersten Hälfte ist es zugleich verblüffend und vergnüglich, wie liebevoll treffend die abstruse Räuberpistole aus Tarantinos Film hier neu erzählt wird. Regisseur Dittrich und Spieler Mixsa liefern punktgenauen Fan-Service, beispielsweise mit einer hinreißend ironischen Hommage an die legendäre Tanzszene mit John Travolta und Uma Thurman. Äußerst gelungen sind auch die Puppen von Matthias Hänsel: Die filmbekannten Figuren sind ihren Vorbildern im wahrsten Wortsinn wie aus dem Gesicht geschnitten. Und das neu hinzugefügte Schrottplatz-Personal kommt passenderweise mit Köpfen aus Blechdosen und -eimern daher.

Karlsruher Bühne erzählt Story anders als im Film

Erzählt wird die Geschichte nicht mit Zeitsprüngen wie im Film, sondern chronologisch. Das macht die gut zweistündige Aufführung auch für Nichtkenner zugänglich. Allenfalls die krasse Episode zu Beginn des zweiten Teils, als die Gewalttäter Butch und Marsellus ihrerseits zu Opfern werden, wirkt ohne die hemmungslosen Übertreibungen des Films einfach wie ein trockener Schlag in die Magengrube. Umso erstaunlicher ist aber, wie stimmig das Stück danach mit einer frei hinzu erfundenen, aber in den Gesamttonfall passenden Episode abgerundet wird. Denn die gesamte Produktion wurde in extrem kurzer Zeit entwickelt, wie das Team und Theaterleiter Manuel Speck nach dem begeisterten Premierenapplaus erklärten.

Eigentlich war ein ganz anderes Stück geplant

Ursprünglich nämlich war für den Abendspielplan des Figurentheaters eine Inszenierung des Stephen-King-Romans “Misery” geplant, die sich aber letztlich nicht realisieren ließ. Bei der Suche nach einem Ersatzstoff sei man fündig geworden, “als wir uns zusammen kurz vor Weihnachten ‘Pulp Fiction’ angeschaut haben”, so Manuel Speck. Tatsächlich finden sich in der Aufführung noch weihnachtliche Anspielungen – allerdings so passend in den schnoddrigen Tarantino-Sound verpackt, dass man sich glatt wünschen würde, der kauzige Regisseur würde mal einen Weihnachtsfilm inszenieren. Und dieses Team dazu einladen.

Andreas Jüttner