Straubinger Tagblatt, Samstag, 21.03.2026
Zwischen Groteske und Erkenntnis
“The Bright Side of Life“ mit dem marotte-Theater im Theater am Hagen
Manche Abende im Figurentheater suchen die leisen Zwischentöne. Andere setzen auf Tempo, Übertreibung und die Lust am Spiel. Nach den eher ruhigen Aufführungen der vergangenen Festivaltage schlug das marotte-Theater im ausverkauften Theater am Hagen mit „The Bright Side of Life“ eine andere Richtung ein – und zeigte, dass gerade im Grotesken und im hemmungslos Komischen oft ein überraschend genauer Blick auf den Menschen zum Vorschein kommt. Kaum hatte das Schauspieler-Trio die Bühne betreten, war sie da, diese Melodie, die sich wie ein Ohrwurm ins kollektive Gedächtnis schiebt: Always look on the bright side of life. Zuerst ein verhaltenes Raunen, schließlich summte das Publikum den Refrain mit. Währenddessen wurden auf der Bühne, fast nebenbei, drei Kreuze aufgerichtet. Steine wurden verteilt – faustgroß, für später. Für die Steinigung im dritten Akt. „Avanti popolo!“ hieß es dann. Vorwärts, Leute! Und für einen Moment wirkte das erschreckend unkompliziert – alle machten mit.
Ein zweiter Knabe stolpert ins Leben
Schon die Ausgangssituation setzte den Ton des Abends: Bethlehem, 24. Dezember. Während nebenan die Heilsgeschichte ihren Lauf nahm, stolperte hier ein zweiter Knabe ins Leben. Kein Erlöser, kein Auserwählter – nur ein weiterer Junge, der in eine Welt voller Missverständnisse, Zufälle und schiefer Wendungen hineingeboren wurde. Kein Stern wies ihm den Weg, keine Weisen standen an seiner Krippe. Und doch geriet er, ohne es zu wollen, immer wieder ins Zentrum einer Geschichte, die größer war als er. Es ging um die Frage, wie Geschichte entsteht – warum manche Geschichten überliefert werden, während andere im Schatten bleiben. Das marotte-Theater nutzte diese Konstellation und bog für einen Moment falsch ab. Die große Erzählung wurde dabei nicht zerstört, doch daneben tauchte plötzlich eine zweite auf. Eine, die nicht von göttlicher Fügung erzählte, sondern von Irrtümern, falschen Abzweigungen und sehr menschlichen Auslegungen. Neben jeder großen Version gibt es oft noch eine kleinere – dies ist die von Bryan. Carsten Dittrich, Jan Mixsa und Sebastian Kreutz trieben dieses Spiel mit sichtbarer Spielfreude voran. Ihre Großfiguren waren keine filigranen Abbilder, sondern bewusst überzeichnete Körper, die Raum einnahmen und sich mit einer Mischung aus Präzision und bewusster Grobheit bewegten. In ihnen steckte etwas vom Jahrmarkt, vom Volkstheater, von der Tradition des Derben – und genau das war hier Programm. Die Inszenierung von Pierre Schäfer folgte dabei keiner bloßen Nacherzählung oder Parodie. Sie erlaubte sich Freiheiten, setzte eigene Akzente, verschob Perspektiven. Der bekannte Stoff blieb erkennbar und wurde doch ständig unterlaufen. Daraus entstand der Reiz dieses Abends: aus dem Nebeneinander von Vertrautem und überraschend Neuem. Zum Beispiel der Moment, in dem die Borsten eines umgekehrt in die Höhe gehaltenen Besens, vor einem Holzstäbchen platziert, die „Messias, Messias“ brüllende Masse darstellten. Was dabei besonders trug, war das Zusammenspiel von Figuren und Spielern. Die von Matthias Hänsel gestalteten Köpfe – mal zerfurcht und eigensinnig, mal geschniegelt und selbstgefällig – wirkten zunächst wie starre Masken. Doch in den Händen von Kreutz, Dittrich und Mixsa begannen sie zu leben. Innerhalb von Sekunden wechselten sie Temperament und Haltung: eben noch würdevoll, dann schon kleinlich, aufbrausend oder jämmerlich. Komik und Ernst lagen oft nur einen Atemzug auseinander. Man lachte – und merkte zu spät, dass man nicht ganz unbeteiligt war. Überhaupt war es diese Lust an der Überzeichnung, die den Abend trug. Die Körper der Figuren waren bewusst grob, fast klobig, ihre Bewegungen nicht elegant, sondern deutlich gesetzt. Nichts wurde versteckt, alles war sichtbar: die Hände der Spieler, die Übergänge, die Mechanik des Spiels. Man sah nicht nur Figuren handeln – man sah auch, wie das Spiel entstand. Schnell, direkt, unverstellt. Und gerade weil es nichts verbarg, sah man genauer hin.
Das Erhabene kippt mitunter ins Absurde
Eine besondere Stärke der Inszenierung zeigte sich im Umgang mit Sprache. Das Tempo blieb hoch, die Pointen griffen. Ein Wortwitz jagte den nächsten, Pathos wurde gezielt unterlaufen, große Worte verloren ihr Gewicht, und das Erhabene kippte mitunter ins Absurde. Oft genügte eine kleine Verschiebung und die vertraute Ordnung geriet ins Wanken. Dabei blitzte immer wieder die Handschrift von Monty Python auf. Am Ende stand – natürlich – das Kreuz. Und mit ihm jener Moment, den man zu kennen glaubt. Doch selbst hier erlaubte sich der Abend noch eine letzte, leise Wendung. Henker und Gekreuzigte stimmten gemeinsam ein in „Always look on the bright side of life“. Nach einem Abend voller grandioser Unterhaltung sang das Publikum diesmal begeistert mit. Um es mit den Worten Bryans zu sagen: „Es gibt nur eins – pfeif dir eins.”
Rainer Luft
